Trendscout BEKO: Erfahrungen im Second Life

• Wie real ist die virtuelle in der realen Welt?
• Product Lifecycle Management als Dienstleistung in virtuellen Welten

Seit Jänner 2007 betreibt das Institut für Humaninformatik (IHI), die Forschungs-abteilung der BEKO HOLDING AG, im Second Life (www.secondlife.com) die Durchführung von Experimenten. Auf BEKO Island wurden zahlreiche Aktivitäten wie die Gründung der First National Second Life Bank (FNSL) oder die Errichtung eines Testgrid für collaborative Product Lifecycle Management (cPLM) durchgeführt.
BEKO präsentiert im Rahmen der Konferenz Wirtschaftsinformatik 2009 am 25.2. um 11:30h im HS 33 einen SL Erfahrungsbericht.

Virtuelle Finanzwelt als first mover des realen Finanzcrash
Die reale Wirtschaft folgt der virtuellen: im Second Life (SL) fand die aktuelle „reale “ Finanzkrise schon vor über einem Jahr statt. Ende 2007 brach der Kapitalmarkt im SL völlig zusammen, ausgelöst vor allem durch den Zusammenbruch des damals größten Kreditinstitutes der Ginko Financial Bank. Gab es Mitte 2007 noch über 20 Banken im SL, wurde Anfang 2008 vom Betreiber Linden Lab ein generelles Bankenverbot erlassen. Linden Lab hat dazwischen noch den Versuch gestartet und eine Policy erlassen, die Finanz- und Investmentdienstleister nur dann zulässt, wenn diese über eine entsprechende Lizenz im „Real Life“ (RL) verfügen und ein Nachweis über die Zulassung der Bank bei amtlichen Registrierungsbehörden vorliegt. Die von BEKO gegründete First National Second Life Bank (FNSL) hatte das ursprüngliche Ziel der Vergabe von Mikrokrediten verlassen und startete in Form eines literarischen „Spiel im Spiel“ eine Diskurs-Plattform für Avatare, die am Phänomen Virtual Investment Banking interessiert sind. Das IHI hat die Aktivitäten der FNSL im Sommer 2008 eingestellt und beobachtet die weiteren Entwicklungen vor allem aus dem juristischen Blickwinkel.
Die Gründe für den Finanzkollaps im SL waren u.a. eine fehlende Bankenaufsicht, die Betrugsfälle diverser Unternehmen, sowie eine Hackerattacke auf die SL World Stock Exchange. Parallelen zum RL sind aktueller denn je.
Ein weiterer Fakt belegt das Zusammenwachsen der virtuellen und realen Finanzwelt: laut Bloomberg ist der Anteil des „Algorithmischen Handels“ im XETRA bereits auf 50% der Orders gestiegen. „Das heißt, jede zweite Order wird bereits nicht mehr von einem Menschen, sondern von einem ‚Robotrader‘ gesetzt. Das ist ein deutlicher Hinweis, dass das faktische Börsegeschehen ohnehin nicht mehr in einem abgrenzbaren Rechtsraum wie einem Staatsgebiet geschieht, sondern in einem virtuellen Regel-„Raum“ der über internationale und bilaterale Vereinbarungen definiert wird. Auch werden die Handelsentscheidungen nicht mehr von Menschen sondern von Algorithmen, wie es auch Avatare sind, gefällt. Zur Etablierung solcher Robotrader in virtuellen Welten ist es nur mehr ein kleiner Schritt. Damit wird auch dem weit verbreiteten Irrtum, Computer seien isolierte Maschinen, ein Ende gesetzt.“ sagt Prof. Ing. Peter Kotauczek, Leiter des IHI und CEO der BEKO HOLDING AG.

 

Produkte und Dienstleistungen
Zahlreiche Unternehmen haben vom medialen Hype nicht profitiert und konnten inworld ihre SL Produkte und Dienstleistungen nur sehr schwer verkaufen.
Im RL setzt die BEKO Gruppe auf die Technologiestrategie als Integrator von Product Lifecycle Management (PLM) Dienstleistungen. Ein Objekt das in SL gebaut wird, kann von jedem Beteiligten zu jeder Projektphase eingesehen werden. Durch die Möglichkeit der ständigen Kommunikation und 3D-Visualisierung im SL können Änderungswünsche rasch realisiert, bzw. neue Vorschläge entwickelt werden. Alle an einem Projekt Beteiligte können gleichzeitig „kollaborativ“ konstruieren, obwohl sie im RL weltweit verstreut von ihrem PC aus arbeiten.
Für das sog. Rapid Prototyping hat das IHI eine virtuelle Werkbank, das „PLM Test Grid“, mit einem eigenen Konzept für Designreviews entwickelt. Eine Wirkstoffanlage der TRIPLAN AG wurde auf BEKO Island erstellt. Objekte, die für Kunden im RL mit CAx-Tools konstruiert werden, können am PLM Test Grid sehr einfach visualisiert werden und dienen als Anschauungsobjekte oder z.B. für die Abnahmen von QM Dokumentationen. Eine BEKO Dienstleistung war die virtuelle Konstruktion des Kultautos X-Bow von KTM. Der fahrtüchtige X-Bow wurde zu Probefahrten auf BEKO Island aufgestellt und ausgiebig von Avataren genutzt.
In Bezug auf die Arbeitswelt können Parallelitäten zwischen SL und RL beobachtet werden: die Finanzkrise im SL hat viele Avatare arbeitslos gemacht, da zahlreiche Unternehmen das SL verlassen haben und dadurch Arbeitsplätze verloren gingen.

Zukünftige Entwicklungen
Das SL in der aktuellen Form ist kein Reichweiten-, sondern ein interaktives Beteiligungsmedium. Die betriebliche Nutzung virtueller Welten als Schaufenster für Produkte und Services ist zu wenig. Wenn es gelingt, parallel zur realen Welt ein synchrones Modell eines Produktes im SL aufzubauen, könnten erhebliche Kosten an Abstimmung, Fehlerkorrektur und Transparenzerzeugung eingespart werden.
Zukünftige Entwicklungen stehen unter dem Stichwort „Reisefreiheit von Avataren“. Direkte Verbindung zwischen virtuellen Welten mit Hilfe von World-browser grenzüberschreitenden Avataren (Travatar, Travel Agent) ist das Gebot in naher Zukunft. Aktuell existieren noch keine Killerapplikationen, es zeichnen sich jedoch Tendenzen ab, die interessante Applikationen in den Bereichen eLearning, Mashups und im Bereich virtueller Tourismus erwarten lassen. So zeigen erste Themenparks und virtuelle Ausstellungen in Richtung „Second Travel“. Das IHI wird weiterhin die Repräsentanz im SL aufrecht erhalten und die Phänomene der Mensch – Avatar Schnittstelle bzw. die Auswirkungen auf die Gesellschaft beobachten.

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